Streetart in Warschau

Am Rand des südlichen Praga, eines östlich der Weichsel gelegenen historischen Vororts von Warschau, liegt die Ulica Brzeska. Der Grau in Grau wirkenden Straße, an deren Häuser der Putz blättert, steht das kommunistische Erbe immer noch ins Gesicht geschrieben. Umso erstaunter ist man, wenn man bei Nummer 14A um die Ecke biegt. Dort steht man vor einem großflächigen, bunten Street-Art-Kunstwerk auf einer Hauswand aus Backsteinen. Es trägt den Namen „Goose“ und zeigt mehrere phantasievoll gestaltete Tiere – allen voran eine überdimensionierte Gans mit zwei koboldhaften Männchen auf dem Rücken. Darunter sieht man ein Krokodil und einen Bären in Imponier-Pose. Über einem naiv gemalten Baum scheint ein Affe kopfüber an einem der Backsteine zu hängen.

Das 2012 im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft entstandene Kunstwerk ist ein von Diego Miedo initiiertes soziales Projekt, bei dem der Künstler mehrere Kinder in die Realisierung mit einbezog. Das Wandbild besticht durch seine Verspieltheit und den Kontrast zu den umgebenden Straßenzügen.

Streetart in Warschau
Häuserwand in Warschau Photocredit: Ville Virta/flickr via CC BY 2.0 License

„Bigger than Banksy“ – Polen und Urban Art

Unter der Überschrift „Bigger than Banksy“ veröffentlichte der amerikanische Sender CNN im Jahr 2013 einen Artikel über Streetart in Polen. Mit seiner sogenannten Stencil-Kunst – einer Mischung aus Sprayen, Stamp und Pencil – war der englische Künstler Banksy bereits in den 2000er Jahren als der Streetart-Künstler schlechthin in die Geschichte eingegangen. Banksy trat als Urban Guerillero mit den Mitteln der Kommunikation auf und provozierte mit seiner kritischen Sicht auf verkrustete Strukturen in Politik und Wirtschaft. Längst hat sich Banksy mit seinen Werken in vielen namhaften Museen der Welt auch innerhalb der „offiziellen“ Kunstszene etabliert.

Umso mehr überrascht das Etikett „Bigger than Banksy“ angewandt auf Polen, ein Land, das fernab liegt von den plakativen Schablonen-Hits des Künstlers aus Bristol. Gemeint ist damit einmal die immer größer werdende Zahl an Street-Art-Kunstwerken in Polen. Andererseits aber auch ihre schiere Größe. Zum Beispiel „Madam Chicken“, eine alte Frau mit traditionell rot-grünem Kopftuch, die einen Hahn im Arm hält. Das Bild erstreckt sich über die gesamte Höhe eines fünfstöckigen Hauses in Lodz.

Von der Handarbeit zur Wandarbeit

Auch in Warschau findet man das Spiel mit traditionellen Elementen der Kultur: So transformiert die Warschauer Künstlerin NeSpoon das in Polen verbreitete Häkeln von Spitzendeckchen in Objekte der Straßenkunst. Neben selbstgehäkelten Deckchen, die nach den ersten 10 bis 15 Zentimetern in lange Spinnenfäden münden, die sie mit den umliegenden Bäumen verbinden, überträgt NeSpoon die „Spitzentechnik“ auch auf Wände. Zahlreiche kleinere Tonreliefs mit dem traditionellen Häkelmuster zieren inzwischen die Straßen Warschaus. Mit ihren ornamentalen, symmetrischen Formen strahlen sie Harmonie aus im Trubel der Hektik des Alltags.

Altes Design und neues Graffiti

Was viele „im Westen“ nicht wissen: In den 1960er bis 90er Jahren hat Polen sich mit hochwertigem Design einen Namen gemacht. Aufgrund der handwerklichen Qualität, der eigenständigen Entwürfe und der Nähe zum Westen wurden Kreationen möglich, die abseits der Einbahnstraße des sozialistischen Realismus lagen. Dieses Erbe ist in der heutigen Straßenkunst Warschaus gegenwärtig. So stößt man in der Ulica Widok am linken Weichselufer auf einen langsam verblassenden, aber immer noch eindrucksvollen dreidimensional wirkenden Schriftzug „TOTO“ der gleichnamigen Lotterie.

Warsaw Fight Club
Warsaw Fight Club Photocredit: Margy Crane/flickr via CC BY 2.0 License

Rundgang durch Praga

Zurück in Praga. Das historische Stadtviertel überrascht mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Urban Art Kunstwerken. Einst als Vandalismus und illegales Sprayen verschrien, sind die bunten Tupfer aus Graffiti und Wandmalereien im Stadtbild heute eine Attraktion. Unweit der Universität SWPS befindet sich die kleine Ulica Bliska. An der Seitenwand eines Mehrfamilienhauses der Nummer 23 steht man vor einem riesigen habichtähnlichen Vogel. Er sitzt auf einem Ast, der sich bei näherem Hinsehen als eine Cobra entpuppt. Das Wandbild stammt von dem chinesischen Künstler DALeast und ist aus tausenden von feinen Strichen an einem Tag komponiert worden.

Von der Haltestelle Bliska01 nimmt man den Bus Nummer 135 in Richtung Norden bis zur Rzeszotarskiej02. In Praga-Pólnoc angekommen erreicht man nach wenigen Minuten Fußweg die Ulica Srodkowa. Das vom irischen Künstler Conor Harrington am Haus Nummer 17 kreierte Wandbild „Warsaw Fight Club“ zeigt das Verschwimmen der Grenzen zwischen klassischer und moderner Malerei. Zwei in der Kluft des 18. Jahrhunderts gewandete Edelmänner liefern sich einen Boxkampf. Die Kreation überzeugt durch den Kontrast zwischen der ehemals Respekt einflößenden Gestalt der Männer, dem brutalen Kampf und den von Teppich und Gewändern nach unten fließenden Farbtropfen.

Einem anderen beeindruckenden Effekt ist man in der Mackiewicza 1 ausgesetzt. Dieses in der Nähe der seitlichen Weichselarme liegende Mural stellt ein riesiges dreidimensionales Loch dar, das sich Schicht um Schicht in die Hauswand frisst. Für den deutschen Urban Art Künstler 1010 steht das 3D-Bild eines schwarzen Lochs symbolisch für die unwiederbringlichen und rätselhaften Seiten der Kindheit.

Streetart in Warschau – bröckelnder Putz als Chance

Es ist wohl kein Zufall, dass sich ausgerechnet Warschau zu einem Zentrum der Streetart entwickelt hat. Denn was hier noch an kahlen Überbleibseln des kommunistischen Alltags brach liegt, das verwandeln kreative Straßenkünstler in einen immer dichter werdenden Teppich an Farben, Formen und Mustern. Manche davon sind kindlich naiv (kleine blaue Engelskulpturen aus Keramik von Marek Sulek, Praga), andere machen auf soziale Versäumnisse der Warschauer Politik aufmerksam („Playground“ von Ernest Zacharevic, Stalowa 51). Wieder andere verweisen in kreativer Weise auf polnischstämmige Persönlichkeiten, die zu internationalem Ruhm gelangt sind („Chopin“ und „Marie Curie-Sklodowska“).

Die geografische Lage Warschaus als Bindeglied zwischen Ost- und Westeuropa und die Nähe zu Berlin tun ihr Übriges, um den Quell an urbaner Kreativität noch lange sprudeln zu lassen.

Streetart-Fan? Wie wäre es mit einem Ausflug ins urbane Paris?

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