Wien geht mit Tradition und Künstlerprominenz in Führung

Sowohl Wien als auch Budapest sind Städte mit einer langen Tradition in Sachen Kaffeehaus. Budapest verfügt mit dem Café Gerbeaud über eines der größten und geschichtsträchtigsten Kaffeehäuser Europas. „Das Gerbeaud ist elegant und prachtvoll, eben das, was man sich unter einem typischen Kaffeehaus vorstellt“, schwärmt Jean-Christophe. Alles in allem hat Wien aber dennoch die größeren Nummern in seinen Reihen. Seit 2011 zählt die Wiener Kaffeehaustradition sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Und besonders Anfang des 20. Jahrhunderts machten Größen wie Robert Musil und Gustav Klimt Wiener Cafés, wie das ursprüngliche Café Griensteidl oder später das Hawelka, zu schillernden Künstlertreffpunkten. Bei so viel Starpower aus vergangener Zeit und der UNESCO-Ehrung muss Marion gar nichts weiter sagen. Wien holt auch so den ersten Punkt.

Was ist das tradtionsreichste Kaffeehaus unter deinen Favoriten?

Marion: „Wenn man das an der viel gehörten ‚Kaffeehauskultur’ festmachen möchte, würde ich sagen, das Jelinek“
Jean-Christophe: „Ganz klar das Gerbeaud im Zentrum der Stadt“

Das Gerbeaud ist das schönste Kaffeehaus Budapests – Wien bietet insgesamt aber mehr Auswahl
Gerbeaud, das schönste Kaffeehaus Budapests. Wien bietet insgesamt aber mehr Auswahl

Mit der Anzahl an Kaffehäusern punktet Wien erneut

In Budapest gibt es über 200 Kaffeehäuser – altehrwürdige und moderne. „Jeder Stadtteil hat seine bezaubernden Kaffeehäuser. Sie sind das Herz jedes Stadtteils und für jeden Geschmack ist etwas dabei“, sagt Jean-Christophe. Seine drei Favoriten sind das Little szimpla, das im Pubstil gehalten und sehr urig ist. Sein zweiter Tipp: das Massolit Books & Café. „Das Café ist in einer kleinen, niedlichen Bücherei, was es sehr besonders macht“. Und dann empfiehlt der Experte eben das berühmte Gerbraud, den unbestrittenen Star unter Budapests Kaffeehäusern. Klingt toll. Doch Wien hat mit bis zu 500 Kaffehäusern eine doppelt so große Auswahl zu bieten. Masse heißt nicht Klasse, aber Marion hat in ihrer Stadt auch Kleinode abseits der Touristenfallen entdeckt. „Das Jelinek ist Hipster meets Eingeborene, alles auf der intellektuellen Schöngeister-Schiene“, verrät sie. Was sie daran so liebt? „Den Jugendstil-Holzofen und gute hausgemachte Kuchen.“ Dann folgt das Kiez-Kaffeehaus Goldegg. „Nachmittags kann man hier sogar in drei der zehn Fensternischen etwas Sonne abbekommen. Und der Kaffee ist gut!“ Marions finaler Tipp: Der Heumarkt. „Wer’s nicht weiß, kommt hier nicht her. Es gibt hier so viel ungenutzen Platz. Dieser Freiraum schlägt sich direkt auf mein Gemüt nieder und beruhigt mich irrsinnig“, erzählt sie. Dank so viel Auswahl und Marions Empfehlungen abseits des Pomp baut Wien die Führung aus.

In Budapest geht es gesellig zu
In Budapest geht es gesellig zu

Dank toller Atmosphäre holt Budapest auf

Kaffeehäuser sind in beiden Städten bei Menschen aller Schichten und Altersgruppen beliebt. Was macht denn die Atmosphäre aus? Marion erklärt: „Ich bin dort, um mich für einen Moment von der Welt zu erholen. Wenn man sich erstmal hinter einer Zeitung verschanzt hat, kehrt Ruhe ein. Es wird keine Musik gespielt. Die Polstermöbel scheinen den Gesprächslärm zu verschlucken.“ Und sie fügt hinzu: „Die Kellner sind immer unaufdringlich, fast bis hin zur Ignoranz“. Dieses „unaufdringlich“ empfinden andere Besucher oft als unhöflich. Die meisten Wiener Häuser sind für grantige Ober berüchtigt. Und in Budapest? „Die Atmosphäre hier ist unglaublich freundlich, es gibt ruhige Ecken, man findet aber auch Geselligkeit, wenn man möchte. Es ist, als würde man sich auf eine Zeitreise in ein vergangenes Jahrhundert begeben“, sagt Jean-Christophe. Mit so viel Freundlichkeit und weniger „Unaufdringlichkeit“ hat sich Budapest einen Anschlusstreffer verdient.

Was bedeutet das Kaffeehaus den Einheimischen?

Marion: „Für viele Wiener ist das Kaffeehaus der Ort für’s Sozialleben“
Jean-Christophe: „Es ist Treffpunk und Ruhepool zugleich“

typisches Wiener Kaffehaus mit Melange auf dem Tisch
In Wien gehört die Melange dazu

Das charmante Wiener Kaffeehaus-Ritual bringt Wien einen erneuten Punkt

Wer schonmal in Wien war, weiß: Man trinkt nicht einfach Kaffee. Das Kaffehaus ist ein Ort, an dem Rituale gepflegt werden. Wie man in Wien den Kaffee trinkt? „Vor allem immer mit einem Glaserl Wasser dazu. Je nach Status nimmt die ältere Dame gern einen kleinen Braunen oder einen Häferlkaffee – der meines Wissens bisher in jedem Reiseführer unterschlagen wurde“, sagt Marion. Am berühmtesten: Die Melange, ein verlängerter Espresso mit Milch und etwas Schaum. Neben Kaffee und Wasser gehört auch die Zeitung in Wien dazu – hinter der man sich zur Not vor dem traditionell grantigen Ober verstecken kann. Und in Budapest? „Der Kuchen dazu ist hier ein absolutes Muss. Ansonsten wird der Kaffee getrunken, wie man möchte – mit Milch oder schwarz und stark“, erzählt Jean-Christophe. Ungarische Pflaumenfladen sind übrigens besonders als süße Ergänzung zu empfehlen. Generell scheint in Budapest alles nicht so festgefahren, was schön ist. Dennoch hat sich das schrullig-charmante Wiener Kaffeehaus-Ritual für seine Beständigkeit einen Punkt verdient.

Auf was sollte man beim Bestellen achten?

Marion: „Kurios wäre es, ein ‚Kännchen Kaffee‘ zu bestellen. Und diese Fiaker-Kaffeegetränke à la Einspänner und so trinken nur Touristen“
Jean-Christophe: „Natürlich muss ein Stück Kuchen zum Kaffee bestellt werden“

Budapest verkürzt mit fairen Preisen, aber Wien siegt

Zeit für die Abrechnung. Wie sieht es in Wien mit den Preisen aus? „Die Preise für eine Melange variieren bei gleicher Kaffeesorte zwischen 2,50 und 5 Euro“, sagt Marion und fügt als Tipp hinzu: „Die beste Preisleistung erzielt man vermutlich bei der rosaroten Kaffeehauskette Aida.“ Noch besser ist das Preisleistungsverhältnis aber bei Jean-Christophe in Budapest. „Hier bei uns liegt der Durschnittspreis für einen schönen Kaffee zwischen umgerechnet 1,60 bis 2 Euro“, erklärt er. Damit holt Budapest klar den letzen Punkt, für den Ausgleich hat es aber nicht ganz gereicht.

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