So müssen sich die letzten Entdecker gefühlt haben: Bären auf der Landseite, Wale im Meer und über allem kreist ein Adler – alles ohne Zaun. Wer die Natur Kanadas durchquert, muss sich auf ein paar ungeplante Begegnungen gefasst machen, besonders an der relativ unberührten Sunshine Coast, nördlich von Vancouver.

Princess Louise Falls

„Ich habe schon Tausende Bären gesehen“, sagt der graumelierte Herr mit dem Spazierstock in der Hand. Gelassen schaut er auf die Bäume und Sträucher des Sunshine Coast Trails. Hinter jedem dieser Pflanzen könnte gerade ein Schwarzbär dösen. Eagle Walz, seit 24 Jahren Präsident der Powell River Parks and Wilderness Society und Mitentwickler des Sunshine-Coast-Wanderweges, winkt ab: Passiert sei nie etwas, „ich habe vielleicht mal ein Bärenhinterteil im Busch verschwinden sehen. Aber das war es auch schon.“

British Columbia Wasserfall

Wir befinden uns auf dem Sunshine Coast Trail. Eagle, der seinen Namen einer „sehr persönlichen“ Begegnung mit einem Adler verdankt, kennt hier jeden Stein und sicherlich jede der 13 Hütten, auf der man während des 180 Kilometer weiten Weges Rast machen kann. Und er kennt auch fast jeden  Einwohner auf dem pittoresken Landstrich nördlich der Landeshauptstadt Vancouver. Denn Eagle, der gebürtige Schwabe aus Ehingen, war einst Lehrer und erinnert sich meist noch ziemlich genau an seine Grundschüler.

Vancouver Harbour

Vancouver, mit dem geschäftigen Großstadtleben, den schicken Restaurants und hippen Kulturangeboten, ist hier so weit weg wie der Yosemite Nationalpark von San Francisco. Vielleicht liegt es daran, dass die Sunshine Coast, obwohl eigentlich mit dem Festland verbunden, wirkt wie eine riesige, von der Zivilisation verträumt entrückte Insel. Der Eindruck verstärkt sich durch die Tatsache, dass der Landstrich nur über Wasserwege erreichbar ist. Die Fahrt mit dem British Columbia Ferry Service (www.bcferries.com) ist auch der erste Entschleunigungstest, vorbei an atemberaubenden Hügeln, unvermutet auftauchenden Inselchen und dem ein oder anderen Baumstamm. Wer Glück hat, sieht sogar einen Wal.

Desolations Sound

Wir sehen den Wal erst einige Zeit später. Unterwegs mit dem Zodiac des Egmont Adventure Centres (buchbar mit Kombination mit Wasserflugzeug über die West Coast Wilderness Lodge, auf dem Weg zum Princess Louisa Inlet, taucht ein Killerwal aus dem ruhigen Wasser auf. Nur ganz kurz. Unser kanadischer Schiffsführer ist fast genauso begeistert wie wir. „Die suchen hier nach Futter“, erklärt er mit Blick auf die Seehunde, die sich alle auf einer kleinen Steininsel versammelt haben.

Desolation Sound

Wo Seehunde sind, sind fast immer auch Wale. Hier haben schon die kanadischen Ureinwohner gefischt. Sie haben an Felsvorsprüngen mit roten Malereien für ihre Stammesbrüder hinterlassen, Hinweise, die ihnen sagen sollen, wo und zu welcher Jahreszeit sich in dieser Region besonders gut Fisch fangen lässt. Heute läuft das natürlich anders. Ein paar Meter weiter liegt inzwischen eine Zuchtlachsfarm.

Skookumchuck Trail

Dass sich hier gut fischen lässt, wissen übrigens auch die Grizzlys, die in den Bergen um die Siedlungen durch die Wälder streifen. Wenn sie allerdings ihren Weg in die Siedlungen finden, wird es gefährlich. Denn die großen braunen Bären sind aggressiv territorial. „Wir hatten vor einem Jahr einen Grizzly in Egmont“, erzählt der Besitzer der West Coast Wilderness Lodge in Egmont, Paul Hansen. Er musste erschossen werden. Der Bär, er ist omnipräsent an der Sunshine Coast, wie der Fuchs in den Londoner Vororten.

Am nördlichsten Teil der Sunshine Coast, in Lund, gehören zumindest die Schwarzbären zum Inventar, auch gerne mal im Garten. „Ach, die sind ständig bei uns im Garten“, erzählt der Hamburger Jan Roemer mit kräftig norddeutschen Akzent. Einmal sind ein paar Jungbären auch bei ihm ins Schwimmbad gesprungen, sagt er lachend.

Jan Roemer arbeitet für die in Lund ansässige Terracentric Adventures, die unter anderem Zodiac-Trips in den Desolation Sound anbieten. Dort im Nationalpark  ist es übrigens gar nicht so einsam, wie sich der Name anhört. Neben Seelöwen, Bären, Walen, Adlern und Luchsen gibt es auf waldumrandeten Felsen auch pittoreske Holzhäuschen und kleine Siedlungen mit großen Booten vor der Tür. Denn diese Orte werden tatsächlich nur über Boot oder Wasserflugzeug erreicht.

Sunshine Coast trail

Wer will, kann hier übrigens auch mit dem Sunshine Coast Trail beginnen und wieder gen Süden laufen. Den Weg ein Stück zu wandern, empfiehlt auch Jan Roemer – nicht nur, weil er den Mann kennt, der diesen Weg initiiert hat: Eagle Walz ist auch hier oben bekannt. Und dass der ehemalige Primary-School-Lehrer sich hier bestens auskennt, kann Jan Roemer nur bestätigen: „Sicher, er hat meine Kinder unterrichtet!“

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