Für meine erste richtige Städtereise nach Amsterdam brauche ich ja eigentlich keinen bestimmten Grund – wie lange träume ich schon davon an den romantischen Kanälen entlang zu schlendern und mit zweirädriger Narrenfreiheit übers Kopfsteinpflaster zu brausen. Mein Erstkontakt mit der Stadt war ein kurzer Abstecher nach der Berliner Reisemesse im März, doch wie zu erwarten war, war außer Schlaf nachzuholen und Nahrung aufzunehmen, nicht viel drin. Ein richtiger Städtetrip musste her, und welche Jahreszeit sollte dafür besser geeignet sein, als der Frühling, wenn die Tulpen blühen und die Verliebten sich in Scharen an den Kanälen tummeln.

2015 ist darüber hinaus ein ganz besonderes Jahr um die Niederlande zu besuchen, denn im Juli jährt sich der Todestag des ikonischen Malers Vincent van Gogh zum 125. Mal. Kunst war damit auch der Fokus meiner Reise nach Amsterdam – mit im Gepäck, meine gute Freundin und Videokünstlerin Genevieve Kay-Gourlay.

Unsere Reise beginnt, wo eigentlich niemand anfangen möchte, morgens um 4:30 am Flughafen. Der frühe Vogel fängt den Wurm, oder so ähnlich. Unsere Ankunft rutscht auf Grund heftiger Stürme über Schiphol ein wenig nach hinten, dem Massenandrang im Van Gogh Museum entkommen wir um diese Uhrzeit nicht mehr. Außerdem regnet es. Wir entscheiden uns daher kurzerhand für das Stedelijk Museum (Museumplein 10). Die aktuelle Ausstellung „The Oasis of Matisse“ ist die größte Ausstellung von Henri Matisse‘ Werken, die die Niederlande jemals gesehen hat (noch bis August 2015). Blockfarben und abstrakte Formen drinnen, Weltuntergang draußen. Plötzlich hören wir eine hohe Stimme im Singsang – singt da etwa jemand? Die singende Frau scheint eine der Museumswächterinnen zu sein. Etwas später bittet uns einer ihrer Kollegen zum Gespräch über Marktwirtschaft und wir bekommen dafür 2 Euro. Auf mich wirkt das alles sehr skurril, doch Genevieve durchschaut die Performance – es handelt sich um eine Live-Installation des Künstlers Tino Sehgal (noch bis Dezember 2015).

 

Da es immer noch regnet, begeben wir uns zurück zu unserem Hotel, um einzuchecken. Unser Zimmer im Wyndham Apollo Amsterdam befindet sich im zweiten Stock und bietet einen schönen Ausblick auf den Kanal. Theoretisch könnte uns hier in der Früh die Sonne wach kitzeln, denn wir sehen genau Richtung Osten. 20 Minuten Fußmarsch trennen uns vom City Centre, doch dafür liegt der aufstrebende Stadtteil De Pijp direkt vor der Haustür. Als der Regen aufhört und wir hungrig werden, machen wir uns auf den Weg zurück ins Zentrum um unseren fleischlichen Gelüsten nachzukommen – uns reichen jedoch Burger und Bier im Snappers (Reguliersdwarsstraat 21).

Am nächsten Morgen ist es endlich soweit: der Wecker auf 7 Uhr, der Coffee to go und ein Croissant in den Händen, die online-gebuchten Tickets in unseren Ticketapps gespeichert, die Route zum Van Gogh Museum in Google Maps geladen. Punkt 9 Uhr, wenn das Museum aufmacht, stehen wir vor der Tür und schlängeln uns vorbei an der Traube wartender Menschen, die ihre Tickets herkömmlich an der Kasse kaufen möchten. Internet 1, Realität 0. Wir entscheiden uns die vier Stockwerke des Museums von oben nach unten abzuarbeiten – eine gute Entscheidung, denn während ich noch alleine vor van Gogh’s vermeintlich letztem Gemälde stehe und geschockt einer Audio-Beschreibung seines Begräbnisses lausche, füllen sich die unteren Stockwerke mit oben genannter Traube. Geschlaucht, aber inspiriert erreichen wir das Zentrum des Museums – die berühmtesten Gemälde des Malers: die Sonnenblumen, das gelbe Bett, die Weizenfelder. Die Farbschichten wälzen sich übereinander; das zweidimensionales Bild, das ich schon hunderte Male gesehen habe, verwandelt sich vor meinen Augen in ein dreidimensionales Kunstobjekt. Internet 1 – Realität 1. Gleichstand. Als wir das Museum mit einem Stapel Postkarten und keinen Briefmarken (um 11 Uhr leider bereits ausverkauft) verlassen, blicken wir hinab auf ein Meer aus gelangweilten Gesichtern. Wie lange sie wohl noch warten müssen?

 

Inspiriert von van Goghs Bildern, und verliebt in den sonnigen Frühlingstag, machen wir uns auf den Weg zum Blumenmarkt am Singel, um den Zauber des Blütenmeers auf uns wirken zu lassen. Zwar werden hier hauptsächlich Blumenzwiebel und Souvenirs feil geboten, doch hier und da versteckt sich doch ein schöner Tulpenstrauß und wartet geduldig auf seinen Käufer. Wir erlösen gleich zwei von ihnen, und spazieren, nun mit dem süßen Duft der Blumen in der Nase, durchs Zentrum. Das Wetter wäre eigentlich perfekt für eine Bootsfahrt, doch die Schlange ist uns zu lang (hätten wir doch nur online gebucht), und so schlendern wir zu Fuß am Wasser entlang, bis uns die Füße weh tun.

 

Den nächsten Morgen verbringen wir bei Coffee & Coconut im Szeneviertel De Pijp (Ceintuurbaan 282-284) – der neue Frühstückshotspot schlechthin. Ein paar Vintage-Shops später (Het Kaufhaus, Eerste Sweelinckstraat 21H; Kiloshop De Pijp, Eerste van der Helststraat 11) befinden wir uns auf dem Weg, die moderne Kunstszene Amsterdams unter die Lupe zu nehmen. In der Flatland Galerie (Lijnbaansgracht 314) läuft noch bis 2. Mai eine Ausstellung des Photographen und Videokünstlers Erwin Olaf, und bei Annet Gelink (Laurierstraat 189) liegt der Fokus auf der 15-jährigen Geschichte der Galerie. Bevor wir uns ein letztes Mal in den Vintage-Läden der „9 Straßen“ umsehen (Bij Ons Vintage, Reestraat 13; Episode, Beerenstraat 1), wagen wir noch einen Blick in die Galerie Fons Welters (Bloemstraat 140-C), in der die chinesische Künstlerin Taocheng Wang ihre Eindrücke von den niederländischen Nordseeinseln präsentiert. Für uns heißt es jedoch Abschied nehmen, und so müssen die Inseln wohl bis zum nächsten Mal warten.

 

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