Tony Giles

Wenn einer oder mehrere Sinne eines Menschen sehr eingeschränkt sind, sind die anderen Sinne dafür besonders geschärft und der Mensch kann Dinge wahrnehmen, die er unter anderen Umständen wahrscheinlich nicht bemerkt hätte. Wir haben uns mit dem britischen Autor Tony Giles („Seeing the World My Way“ und andere Publikationen) unterhalten und mit ihm über die Reiseerfahrungen gesprochen, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind. Für Sehbehinderte und Blinde ist das Reisen eine Mut machende und bereichernde Erfahrung, die jedoch ihre ganz eigenen Schwierigkeiten mit sich bringt.

Tony selbst ist vollkommen blind. Wir haben ihn nach ein paar besonders prägenden Erfahrungen sowie nach Reisetipps für Blinde und Sehbehinderte gefragt. Hier fasst Tony die Höhepunkte seiner Reisen zusammen, die ihn auf sieben Kontinente und in alle 50 Staaten der USA geführt haben.

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Welcher Deiner Sinne ist beim Reisen ganz besonders geschärft?

Tony Giles:

Ich glaube, beim Reisen ist das räumliche Vorstellungsvermögen meiner Umgebung ausgeprägter als alle anderen Sinne. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich sehr für meine Umgebung interessiere und auch ständig aufpassen muss, was um mich herum geschieht: Wer ist in meiner Nähe, ist viel Verkehr, gibt es Hindernisse, tauchen plötzlich Stufen auf?Blind reisen | Treppenstufen

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Kannst Du Dein denkwürdigstes Erlebnis mit dem Geschmackssinn beschreiben?

Tony Giles:

Als ich in Japan jede Menge Fischgerichte probiert habe: Sushi, Ramen, Sashimi und viele andere, mit einer unglaublichen Menge an Konsistenzen und Geschmacksrichtungen. Meine Zunge erkannte jede einzelne Zutat: süß, sauer, rau, glatt, und alle erdenklichen verschiedenen Texturen. Das war teilweise überwältigend für meine Geschmacksknospen!Sashimi

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Wow! Und wie sieht es mit unvergesslichen Klängen und Geräuschen beim Reisen aus?

Tony Giles:

Ein besonders eindrückliches Erlebnis mit Geräuschen auf einer Reise hatte ich, als ich auf einer Metallbrücke über den Iguazú-Wasserfällen an der argentinisch-brasilianischen Grenze stand und die Wassermassen neben mir rauschen hörte. Das Geräusch von tonnenweise Wasser, das in die Tiefe stürzt, klang wie Donner in meinen Ohren!Freundschaftsbrücke über den Iguazú-Wasserfällen

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Hast Du auch ein besonderes Reiseerlebnis mit dem Tastsinn?

Tony Giles:

Ein besonderes Erlebnis mit dem Tastsinn hatte ich, als ich am Neptunbrunnen in Berlin vier Statuen von leicht bekleideten Frauen berührte. Mit meinen Händen die glatten Steinstatuen mit ihren fein ausgearbeiteten Gesichtern, Haaren und Körperformen zu erkunden, war gleichzeitig faszinierend, aufschlussreich und lustig.Neptunbrunnen in Berlin

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Expedia:

Das Entdecken durch Berührung stellt eine besondere Nähe zwischen Dir und den Reisezielen und Sehenswürdigkeiten her! Gibt es auch einen Ort, den Du besonders mit Geruch verbindest?

Tony Giles:

Meine beste Erfahrung mit Geruch ist das Schmorfleisch, das an einem Sonntagnachmittag in der Küche meiner Mutter in England langsam in der Soße kocht. Das starke und leicht süßliche Aroma ruft wunderbare, heimelige Erinnerungen in mir hervor.Schmorbraten

Expedia:

Gibt es Reiseziele, die für blinde Reisende besser zugänglich sind als andere? Welche sind das, und was genau macht sie praktikabler für Sehbehinderte?

Tony giles:

Das Zentrum von Manhattan in New York ist meiner Ansicht nach eines der am besten für Blinde geeigneten Reiseziele. Die Stadt basiert auf einem Rastersystem, sodass man beim Gehen einfach die Häuserblocks zählen und Passanten fragen kann, bei welcher Hausnummer man sich gerade befindet, und ob es sich um die East Side oder die West Side der Stadt handelt. Auch mit der U-Bahn fahren geht gut: Es ist recht einfach, herauszufinden, in welche Richtung man fährt, weil die Haltestellen immer angekündigt werden und man am Namen oder der Nummer der Station erkennen kann, ob die Bahn stadtaus- oder stadteinwärts fährt.

Ähnlich ist es auch in Melbourne in Australien. Die Stadt basiert ebenfalls auf einem Rastersystem, weshalb man sich gut orientieren kann. Man sollte nur nicht vergessen, dass ein Fluss die Stadt trennt.

Philadelphia ist ebenfalls auf der Grundlage eines Gitternetzes entstanden und klein und kompakt genug, um als Blinder alles zu Fuß zu erkunden.

Städte wie die drei oben genannten machen uns Blinden die Fortbewegung einfach und verleihen uns damit Unabhängigkeit. So macht das Reisen mehr Spaß.New York

Expedia:

Was sollten die Menschen Deiner Meinung nach über das Reisen als Blinder wissen?

Tony Giles:

Ich würde mir mehr Aufklärung darüber wünschen, dass Reisen auch für Blinde eine wunderbare und bereichernde Erfahrung ist. Auch wenn ich die Sehenswürdigkeiten nicht sehe, kann ich eine Stadt und ein Land mit all meinen Sinnen erleben und dabei jede Menge interessante und schöne Erfahrungen machen.Stadtkarte mit Braille

Expedia:

Welchen Ratschlag würdest Du jemandem geben, der aufgrund seiner Sehbehinderung vor dem Reisen zurückschreckt?

Tony Giles:

Viel im Internet über das gewünschte Ziel recherchieren, die erste Übernachtung buchen, herausfinden, ob die öffentlichen Verkehrsmittel behindertengerecht sind, und zunächst einmal ein Ziel im eigenen Land oder ein Land mit ähnlicher Infrastruktur wie das eigene besuchen. Und vor allem: zuversichtlich sein und keine Angst davor haben, die Leute um Hilfe zu bitten.London Tube

Expedia:

Kannst Du uns zu guter Letzt noch ein Erlebnis nennen, das auf Deiner „Bucket List“ steht? Und was ist Dein nächstes Reiseziel?

Tony Giles:

Ich würde gerne Skifahren ausprobieren – das wäre sicher ein cooles Erlebnis! Meine nächste Reise geht nach Sizilien.

Die Reiseplanungen für Sehbehinderte erfordern viel Planung, aber wenn man über die richtigen Hilfsmittel verfügt, um die Welt zu entdecken, dann lohnt es sich allemal! Erfahrene Reisende wie Tony Giles bieten eine neue Sichtweise auf das Reisen, die eine Bereicherung für uns alle ist. Das Abenteuer kann beginnen, egal ob ganz in der Nähe oder in einem fernen Land!

Herzlichen Dank an Tony Giles!

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