Dass Urban Art längst kein Schattendasein führt wie einst das Sprayen von illegalem Graffiti, zeigt ein Rundgang durch das 13. Arrondissement in Paris. Auf ein erstes Highlight stößt man in der Rue Jeanne-d’Arc. Direkt neben einem trist wirkenden Hochhaus rückt plötzlich ein gigantisches dreifarbiges Graffiti ins Blickfeld. Es stammt von dem US-amerikanischen Künstler Shepard Fairey und zeigt ein überdimensioniertes weibliches Porträt, das an einen Filmstar denken lässt. Die Machart ist dieselbe wie die der ebenfalls von Fairey entworfenen ikonischen HOPE-Poster, die 2008 im Rahmen der Wahlkampagne für Barack Obama um die Welt gingen.

VOM BANKSY FAKE ZUR STREETART-ATTRAKTION

Spätestens mit dem bekannten Londoner Künstler Banksy ist die Urban Art ins Zentrum einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Mittels seiner sogenannten Kommunikationsguerilla-Taktik eroberte sich Banksy in den 2000er Jahren weithin Aufmerksamkeit. Mit seiner Schablonentechnik gelang es ihm, neue Blicke auf verkrustete politische und soziale Strukturen zu provozieren. Längst zählt Banksy zur „offiziellen“ Kunstszene; seine Werke finden sich in namhaften internationalen Museen wie dem MOMA in New York.

Das 2013 auf der Internetseite banksy paris.com veröffentlichte Graffito stellte einen Mann mit einem Baguette in der Hand dar; der entsprechende Schriftzug lautete übersetzt: „Was für ein Klischee!“ Die Aktion wurde zwar als Banksy-Fake entlarvt, in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit trug sie jedoch zur dauerhaften Verbindung der französischen Hauptstadt mit dem Thema Urban Art bei.

Die Seine-Metropole und Urban Art – eine junge Liebe

Paris, bekannt als Stadt der Liebe, der Belle Epoque und der Bohéme, hat in den letzten Jahren nichts an Attraktivität eingebüßt. Im Gegenteil: Zu ihrem Ruf als Stadt der Künste trägt längst nicht nur die Vielzahl von Museen und Galerien bei; neben diesen klassischen Formen der Kunstpräsentation macht mit dem Sprayen im öffentlichen Raum mehr und mehr eine unkonventionellere, frechere Art des künstlerischen Ausdrucks von sich reden.

So sehr ist Urban Art inzwischen Teil der heutigen französischen Metropole, dass es die Kunstform seit Oktober 2016 sogar zum eigenen Museum geschafft hat. Die im 17. Arrondissement liegende Sammlung Art 42 präsentiert in vier Ausstellungsräumen mehr als 20 Künstler. Die mittels digitaler Medien ausgestellten Werke der Urbanart und des Post-Graffiti zeigen, dass das öffentliche Sprayen sein einstiges Underground-Image abgelegt hat und inzwischen gleichberechtigt neben anderen künstlerischen Ausdrucksweisen steht. Das Museum kostet keinen Eintritt und ist Dienstag und Samstag für Besucher geöffnet. Es wird um Anmeldung per E-Mail gebeten.

Belleville: Eine Straße voller Streetart

Unsere Tour beginnt am Art 42-Museum an der Porte de Clichy. Wer Zeit hat, nimmt den Weg zu Fuß über die Rue de la Jonquière, vorbei an Sacré-Coeur, über den Boulevard de la Chapelle, der direkt auf die Rue la Fayette führt. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis ins Zentrum des berühmten Quartiers Belleville. Das ehemalige Arbeiterviertel im Nordosten der Stadt – es hat Berühmtheiten wie Edith Piaf hervorgebracht – hat sich zum Multikulti-Zentrum gemausert und besticht durch hippe Bars und eine wachsende Food-Szene.

Aber Belleville bietet noch mehr: In der Rue Denoyez stößt man auf eine verwirrende Vielfalt an Beispielen von Streetart. Von der Häuserwand über den Blumentopf bis hin zum Mülleimer ist nahezu jedes Fleckchen mit farbenfrohen Graffitis und wechselnden Murals bedeckt. Neben einer Reihe von Galerien und Cafés fallen die entlang der Gehwege aufgestellten Blumenkästen ins Auge. Sie werden von Anwohnern liebevoll gepflegt und mit Gedichten, Mosaiksteinchen oder Kinderspielzeug individuell dekoriert.

Vandal-ism Paris
Vandal-ism Photocredit: Anne-Christelle/flickr via CC BY 2.0 License

Modulable. Urbain. Réactif. (Le M.U.R.)

Den Boulevard Belleville Richtung Südosten gehend, biegt man nach etwa 500 Metern nach rechts in die Rue Oberkampf ein. Neben einem regen Nachtleben stößt man hier überall auf Überreste und Splitter künstlerischer Aktivität. Ihren Ruf als echter Streetart-Hotspot verdankt die Rue Oberkampf jedoch „Le M.U.R“. Bei dieser Wand handelt es sich um ein Kunstprojekt: Alle paar Wochen widmet sich ein anderer Künstler der vollständigen Umgestaltung der Wand – ein Kunstwerk in Transformation. Mit Banlieue-Banlieue ist man mittlerweile bei der 232. Inkarnation der Wand angelangt. Die Werke der Jahre 2010 bis 2015 sind in Buchform erschienen.

Streetart in ParisStreetart in Paris und Impressionismus

Einen weiteren Höhepunkt der Tour findet man in der Rue Edouard Manet, wiederum im 13. Arrondissement, unweit der Place de l’Italie. Von deren gleichnamiger Metro-Station gelangt man in wenigen Minuten zu dem „Vandal-ism“ genannten Werk des spanischen Künstlers Pejac. Auf einer fleckig grauen Hauswand sieht man einen wie zufällig hingeworfenen Farbklecks. Bei näherem Hinsehen erkennt man einen Ausschnitt des berühmten Gemäldes „Frühstück im Grünen“ des französischen Impressionisten, nach dem die Straße benannt ist. Das Gemälde selbst kann man im Musée d’Orsay, direkt an der Seine und gegenüber den Tuileries-Gärten, bewundern.

Minderheiten erobern den öffentlichen Raum

Die Szene der Streetart in Paris ist heutzutage eine der weltweit lebendigsten. Neben vielen internationalen Künstlern gibt es eine Reihe von Frauen, die den öffentlichen Raum für sich erobern. Dazu zählen Miss.Tic, die mit ihren betont femininen bis anzüglichen Motiven die Weiblichkeit betont, ausstellt und deren öffentliche Wahrnehmung thematisiert.

Einen ganz anderen Weg geht Kashink. Die queere Künstlerin ist bekannt für ihre vieräugigen Figuren, die an dickliche Männer erinnern und die Geschlechtergrenzen verschwimmen lassen. Ein programmatisches Werk von Kashink findet man in der Rue Saint-Maur. Auch auf dem 500 Meter langen Mural in der Rue Riquet ist ein Werk von Kashink neben dem von drei anderen internationalen Künstlerinnen (Katjastroph, Bastardilla, Tatyana Fazializadeh) und einem Künstler (Zepha) zu sehen. Die Wand wurde im Dezember 2015 zu Ehren der schwarzen Bürgerrechtlerin Rosa Parks errichtet und stellt in Paris die größte zusammenhängende Fläche dar, die ausschließlich der Streetart gewidmet ist.

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