London Street Art in Brixton

Londons Straßenbild und Stadtteile werden vor allem durch seine Einwanderer bestimmt. Da gibt es die portugiesische Gemeinde in Stockwell, die Bangladeshi in der Brick Lane, die Franzosen in South Kensington oder die deutschen Auswanderer in Richmond. Mein Favorit – weil exotisch, unkonventionell und offen – ist die jamaikanische Community in Londons südwestlichen Stadtteil Brixton.

Electric Avenue

Brixton ist der Stadtteil, der mit der Electric Avenue einen ständigen Straßenmarkt hat und in dem ganze gerupfte Hühner beim Metzger im Schaufenster baumeln. Der Stadtteil, in dem fast jeden Abend ein Musiker den Eingang zur Brixton Station zur Feierabend-Tanzfläche für pendelnde Londoner macht. In dem wie selbstverständlich auf der Straße gekifft wird. Der Stadtteil, der für den großen Künstler und Sohn Brixtons, David Bowie, eine spontane Trauerfeier veranstaltet, die zur Mega-Party mit Zehntausenden wird. Der Stadtteil, dessen Bezirk Lambeth zu 78 Prozent für den Verbleib in der EU gestimmt hatte – und damit unter den Top 5 Wahlkreise der stärksten EU-Befürworter landete. Überraschend kam das nicht, immerhin leben hier Menschen unterschiedlicher ethnischer Herküfte entspannt zusammen. Man ist sich nicht feind, sondern hat einen gemeinsamen: die Gentrifizierung.

Die Mehrzahl der Einwanderer stammen aus der Karibik: Zwischen 1655 und 1962 war Jamaika britische Kolonie und die ersten Jamaikaner kamen bereits Ende der 1940er Jahre nach Brixton. Brixton diente als Enklave, die schnell alle Annehmlichkeiten (außer das sonnige Wetter) bot, die sie an zu Hause erinnerten – seien es die Musik, die Gerüche, das Essen oder die Kultur. All das, was auch heute weiterhin fester Bestandteil von Brixton ist.

Kultur in Brixton

Die Verbindung der Geschichte Brixtons mit der jamaikanischer und afrikanischer Einwanderer lässt sich am besten in den Black Cultural Archives nachvollziehen.

Black Cultural Archives

Das Archiv bietet Zeitzeugenberichte und Sammlungen zu diversen Themenbereichen wie Black Women’s Movement, Afrikanische Kunst, Versklavung und Rastafari. Im Erdgeschoss gibt es wechselnde Ausstellungen, die interessante Einblicke in die Historie Schwarzer in Großbritannien geben. Zu den vergangenen Schwerpunkten gehören unter anderem das Leben Schwarzer während der georgianischen Epoche und die Entwicklung der Rastafari-Bewegung in Großbritannien.  Die aktuelle Ausstellung Black Sound – Die Reise schwarzer britischer Musik bis zur kreativen Unabhängigkeit ist noch bis März 2018 zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Chocolate Museum in Brixton

In Brixton gibt es ein Museum, in dem Ihr naschen könnt: Das Chocolate Museum in der Ferndale Road ist zwar nur ein Bruchteil so groß wie das Schokoladenmuseum in Köln, aber lernen könnt Ihr hier allemal etwas. Über die Weltgeschichte der Schokolade oder Versklavung in der Schokoladenproduktion.

Das Tollste aber sind die Workshops und Drop-In Sessions: Bei letzteren könnt Ihr eure eigene Schokolade kreieren – unter fachkundiger Anleitung versteht sich. Das Museum bietet außerdem eine Choco-Tale Tour an – vor Ort inklusive Schokoladen-Testen oder virtuell auf dem eigenen Handy oder Tablet. An Drop-In Session könnt Ihr ab 12 Pfund teilnehmen, Kinder ab 9,50 Pfund.

Ritzy Cinema Brixton

Das Ritzy Cinema gehört zu der Boutique-Kinokette Picturehouses. Die Picturehouses unterhalten insgesamt 42 Kinos in Großbritannien, einen Großteil davon in London. Die Idee: Ein Gegenkonzept zum Multiplex-Kino anbieten.

Ritzy Cinema

Alle Picturehouse-Kinos bieten eine Bar, ein Restaurant und Events wie Q&As und Premieren lokaler Filmprojekte, sowie Übertragungen von Konzerten und Theaterstücken aus aller Welt. Zusätzlich gibt es Events vor Ort: Im Ritzy in Brixton gibt es die Eventreihe ‚Upstairs at the Ritzy‘, ein wechselndes Programm aus Musik, Themenabenden, Yogaklassen, Kunstmärkten und Clubnächten. Nicht nur die machen das Ritzy besonders: Das Film gucken wird in den mitunter sehr kleinen Kinosälen mit rotgepolsterten Sitzen wieder zum Erlebnis – ein bisschen wie in den guten alten Zeiten des Kinos vor Beginn des Fernsehzeitalters.

Gebaut im Jahre 1911 ist das Ritzy Cinema an der Coldharbour Lane das zentrale Schmuckstück des Viertels. Auf der Filmanzeigetafel in schwarz-weiß wird es mitunter auch politisch – hier bei der Anti-Gentrifizierungsdemo Reclaim Brixton:

Essen und Trinken

Jamaikanisches Essen in Brixton

Karibische Spezialitäten wie Jerk Chicken, Goat Stew oder Oxtail gibt es in Brixton praktisch an jeder Ecke. Günstig aus dem Imbisswagen oder Kiosk, aber auch in edlerem Ambiete. Für einen Imbiss empfehle ich Euch folgende Buden: Mama’s Jerk im Pop Brixton, das One Love Café auf der Brixton Station Road oder, Bush Man, schräg gegenüber.

One Love Cafe in London

Für einen Restaurantbesuch solltet Ihr unbedingt im Three Little Birds, benannt nach einem Lied von Bob Marley, vorbeischauen: Hier könnt Ihr Euch aus kleineren Tellern ein Essen zusammenstellen. Tapas auf Jamaikanisch. Besonders lecker sind das Oxenschwanz-Ragu und die vegetarischen Optionen wie die frittierten Okraschoten. Nicht ganz günstig, aber es ist es wert.

TIPP: Am besten zwischen 17 und 20 Uhr zur Happy Hour kommen. Dann gibt’s Cocktails für 5 Pfund, die so ganz anders schmecken als ihr es gewohnt seid – versprochen. Streng nach Originalrezept und natürlich mit dem besten Rum.

Brixton Market: Brixton Village & Market Row

Das Brixton Village befindet sich in Arkaden unterhalb der Bahnlinie mitten im Zentrum von Brixton und ist nur einen Steinwurf von der Brixton Tube Station entfernt. Hier könnt Ihr Essen aus allen Teilen der Welt probieren: Thai, Tapas, Pizza, Portugiesisch, Britisch und natürlich Afro-Karibisch.

Brixton Village

Hervorheben möchte ich aus der Fülle der Angebote vor allem zwei Restaurants: Das kolumbianische Restaurant El Rancho De Lalo und das japanische Restaurant Okan.

Das El Rancho ist von außen äußerst unscheinbar und auch von innen nur auf das Wesentliche reduziert: Tische, Stühle und ein großer Grill, auf dem Steak, Schweinebauch und Chorizos zubereitet werden. Letztere unterscheiden sich in Würzung und Fettgehalt stark von ihren bekannteren spanischen Namensvettern und kommen ganz ohne die sonst so durchdringende Paprikanote aus – ein absoluter Genuss! Klassische Beilagen sind Maisbrot, Plantane, Reis und Bohnen. Wer besonders günstig speisen möchte, sollte zur Mittagszeit vorbeischauen: Das Tagesmenü gibt es für 7,50 Pfund – inklusive Suppe und fleischlastigem Hauptgang. Für die Rundumerfahrung empfehle ich die Bandeja Paisa – ein klassische komubianische Platte mit allen bereits erwähnten Zutaten. Und ein bisschen Salat 😉

Das japanische Restaurant Okan hat typische Leckereien aus der Region um Osaka im Angebot – nur kein Sushi. Stattdessen habt Ihr die Auswahl zwischen Okonomiyaki, ein herzhafter Pfannkuchen, oder Yaki, frittierten Nudeln. Abgeschmeckt werden hier alle Gerichte mit Fisch- und Seegrasflocken – klingt komisch? Ist sehr lecker! Aber Achtung: die Portionen sind riesig. Da könnt Ihr vorher getrost eine Mahlzeit auslassen.

Okonomiyaki im Restaurant Okan, London

Gegenüber des Brixton Village findet Ihr die Market Row, die sich parallel zur Electric Avenue erstreckt. Sie ist dem Brixton Village sehr ähnlich, allerdings findet Ihr hier etwas durchgestyltere und hochpreisigere Restaurants wie Cannon & Cannon – ein britsiches Restaurant, das nur mit regionalen Produkten arbeitet – und auch Ketten wie das Franco Manca, dessen Pizzarestaurant in der Market Row übrigens das erste Restaurant der Kette ist.

Pop Brixton

Pop Brixton ist – wie der Name schon vermuten lässt – ein Pop-Up. Ein Pop-Up ist ein auf begrenzte Zeit angelegter Shop, ein Restaurant oder etwa eine Bar. Im Falle von Pop Brixton ist es alles zusammen: Aus Containern, die man sonst am Hamburger Hafen findet, wurde hier eine Kreativplattform für junge Unternehmen bestehend aus Bars, Restaurants, Shops und lokalen Vereinen aufgebaut. Und dafür, dass es sich ursprünglich um ein Pop-Up mit kurzer Halbwertszeit handeln sollte, existiert Pop-Brixton schon eine ganze Weile.

Pop Brixton London

Seit Mai 2015 bietet es seinen Mitgliedern, die sich verpflichten eine Stunde in der Woche Mentoring, Training oder Fundraising-Unterstützung zu leisten, günstige Mieten. Das Projekt wird unter anderem von Make Shift, einer Gruppe von Designern und Unternehmern, und dem Stadtbezirk Lambeth unterstützt. Vom sizilianischen Café über einen japanischen Messerladen bis zum Restaurateur und Friseur findet Ihr hier eine interessanre Auswahl lokaler Unternehmer – die aus allen Teilen der Welt stammen. London, du Schmelztiegel.

Bars and Clubs

Wenn es eine Institution in Brixtons Nachtleben gibt, dann ist es das Hootananny. Das Hootananny ist auch über die Grenzen des Stadtteils hinaus für seine Live-Musik-Nächte bekannt, Im Ü21 Pub mit Konzerthalle spielen Musiker aus aller Welt und lokale Künstler Reggae, Jazz, Balkan Beats, Dub Step und mehr. Die Location ist Treffpunkt der abgefahrensten Bands, Big Bands, Hip Hop Crews und einer sehr gemischten Besucherschaft. Hier spielt der Anzugträger gegen den Rastafari Pool. Das Hootananny ist offen und unkompliziert und hätte in der heutigen Form auch vor 40 Jahren so aussehen können. Ein alternativer Pub und Tanzlokal, von dem man mehr Kippen drehende Menschen findet als in Central London zusammen. Im Sommer macht der riesige Außenbereich mit etlichen Sitzgelegenheiten und Food Stalls den Besuch noch schöner! Londoner kennenlernen ist hier fast garantiert. Der Eintritt ist freitags vor 22 Uhr und samstags vor 21 Uhr frei, danach zahlt Ihr 6 Pfund Eintritt. Achtung: Ausweis nicht vergessen, die Kontrollen sind scharf.

Dog Star

Das Dogstar liegt an der Ecke Coldharbour Lane/Atlantic Road und ist seit über 20 Jahren eine von Londons coolsten DJ Bars. Die Liste der Sets, die hier bereits aufgelegt haben, ist lang: Massive Attack, The Prodigy, 2ManyDJs, Stereo MCs – um nur einige Namen zu nennen. Um leichter reinzukommen, könnt Ihr Euch online um einen Eintrag auf der Gästeliste bewerben. Auch hier ist die Nachfrage allerdings groß und die Aufnahme nicht garantiert. Ihr bekommt eine Bestätigungsemail, solltet Ihr es drauf geschafft haben!

Übernachten

Wer schon öfter in London war und die City kennt, der kann auch einfach in Brixton übernachten. Der Vorteil: Es ist günstiger und die Anbindung in die Stadt ist sehr gut. Brixton Station ist eine Endtstation der Victoria Line, die Euch direkt zum Oxford Circus und zum King’s Cross bringt.

Je nach Alter und Aufgeschlossenheit, möchte ich Euch zwei Hotels empfehlen:

Hootananny Hostel

Im Hootananny kann man nicht nur wunderbar Live-Musik sehen und hören, sondern auch schlafen (zumindest nach der Musik). Das Hostel eignet sich für Reisende, die gerne mittendrin sind und wenig Geld ausgeben möchten. Das gelingt mit dieser Auswahl blendend. Freitags gibt es außerdem ein kostenloses Abendessen und Gäste bekommen 20% Rabatt auf Getränke in der Bar.

Half Moon

Der gehobene Half Moon Pub gegenüber des riesigen Brockwell Park bietet große bis sehr große Zimmer, die schon fast einem Apartment ähneln. Die Einrichtung ist rustikal, aber nicht kitschig: Jedes Zimmer ist individuell gestaltet, mit viel Holzelementen und warmen Tönen. Der Half Moon befindet sich in Herne Hill, unweit von Brixton. Bis London Bridge braucht Ihr von der Bahnstation Herne Hill rund 30 Minuten.

Wenn Ihr mehr über Londons Süden erfahren wollt, dann vergesst nicht auch den Artikel zu Tipps für Londons Süden zu lesen.

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