Wien

Als ich vor acht Jahren Deutschland verließ um an der Wiener Universität zu studieren, war die österreichische Bundeshauptstadt eigentlich als Lückenbüßer und Zwischenstation gedacht. Der Ruf Berlins lockte, dort sollte sich das Leben abspielen. Wien hingegen hatte nach zwei Besuchen einen gemütlichen Eindruck gemacht. Dieser sollte sich bewahrheiten. Das Leben spielt sich hier langsamer ab. Hektik ist etwas für die anderen Metropolen.

Wider Erwarten lebte ich mich in Österreichs politischem, kulturellem und wirtschaftlichem Zentrum aber sehr schnell ein. Zwei meiner besten Freunde lernte ich damals bei einem Fußballverein kennen, dem ich beitrat. Angeblich sollen die echten Wiener eine rare Spezies sein. Man braucht etwas Zeit um scheue Einheimische kennen zu lernen. Die besten Plätze dafür sind Wirtshäuser in den Außenbezirken, Würstelstände oder eines der unendlich vielen Cafés. Ich habe die leise Vermutung, dass meine beiden Freunde erst durch mich erste Exkursionen aus ihrem heimischen siebzehnten Gemeindebezirk unternommen haben und ihre Stadt kennen lernten. Viel zu oft kannten sie Straßennamen nicht oder brauchten erst eine Beschreibung, wie sie zum Treffpunkt gelangen würden.

Straßenbahn in WienMenschen aus den anderen acht Bundesländern tummeln sich zuhauf in den schummrigen Gassen, unter den Ausländern stechen vor allem die Deutschen heraus. Mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit wird man beim Betreten einer Straßenbahn, die hier „Bim“ genannt wird, oder einer U-Bahn jemanden laut in hochdeutscher Sprache telefonieren hören. Von dieser Unannehmlichkeit abgesehen ist das öffentliche Verkehrssystem ausgereift und schnell. Die „Öffis“ sind einer der Gründe, weshalb Wien in Lebensqualitäts-Rankings stets die vorderen Plätze einnimmt. Störungen gibt es kaum, falls doch, so werden sie in Windeseile behoben.

Trotzdem „sudern“, also jammern, die Wiener über so ziemlich alles. Das ist hier eine Art Volkssport, dem auch ich im Laufe der Jahre verfallen bin und mittlerweile perfekt ausübe. Zwischen den Weinbergen und den schummrigen Gassen ist hier zwar nahezu alles perfekt, aber das Gras könnte noch grüner sein. Eventuell auch im Nachtleben. Trotzdem ist Wien mittlerweile hipper, besser und cooler als es wahrscheinlich jemals gewesen ist. Hinter der beeindruckenden Kulisse stiller architektonischer Monumente, die daran erinnern, dass Österreich eine europäische Hegemonialmacht war, hat sich im Laufe der Jahre eine vielfältige Partykultur entwickelt. Inzwischen ist es möglich, sich unter der Woche die Feste auszusuchen, früher war das mit Schwierigkeiten verbunden. Für jeden Geschmack, ob noble Disco oder schäbige Absteige, hat diese Stadt etwas Passendes parat. Sie hat zahlreiche Facetten, sie kann alles sein. Nach einer langen Nacht bietet sie beste Erholungsmöglichkeiten im Freien. An jeder Straßenecke gibt es einen Park, im Sommer laden Freibäder oder die Donauinsel zum Verweilen ein. Abgesehen davon gibt es viele idyllische Orte, die zu Unrecht in Reiseprospekten übergangen werden. Das Schöne daran ist aber, dass man sie auf eigene Faust finden kann, wenn man die Augen offen lässt und sich die Zeit nimmt. Und die sollte man in Wien mitbringen.

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