Zeche Zollverein

Das Ruhrgebiet hat nicht den besten Ruf. Fragt man Menschen, die das Ruhrgebiet nicht kennen, nach ihren Assoziationen, dann fallen Worte wie ‚Hochofen‘, ‚grau‘ oder ‚Fußball‘. Das ist nicht vollkommen falsch: Das Ruhrgebiet war das industrielle Zentrum Deutschlands und die Überreste sind noch immer da und bestimmen das Bild. Heute oftmals umgenutzt und Teil der vielfach besprochenen Industriekultur. Im Ruhrgebiet gibt es außerdem viele überdurschnittlich erfolgreiche Fußballvereine. Was wenig verwunderlich sein sollte – immerhin ist es ein günstiger Sport, den auch die ‚Kleinen Leute‘ haben seit den Anfängen Deutschlands beliebtester Sportart finanzieren können.

Als Tourist fährt man nicht ins Ruhrgebiet, weil man etwas Pittoreskes sehen will. Architektonische Schätze wurden flächendeckend im zweiten Weltkrieg zerstört. Man fährt auch nicht hin wegen der guten Luft. Man fährt hin wegen des Gesamterlebnisses. Wegen der Multikulturalität, die neben Berlin und vielleicht Frankfurt so wahrscheinlich einzigartig ist in Deutschland. Wegen der Offenheit der Menschen, die für Zugezogene überraschend ist. Das Schöne: Es ist egal, ob Ihr in einem Hotel in Essen, Bochum oder Dortmund unterkommt – in einem der größten Ballungsräume Europas seid Ihr mit Bus und Bahn äußerst gut und schnell verbunden.

Tief im Westen,
wo die Sonne verstaubt,
ist es besser,
viel besser als man glaubt”

Aus “Bochum”, Herbert Grönemeyer, 1984

Westfalenstadion in Dortmund

Der Pott Kickt: Fußballkultur

Borussia Dortmund, Schalke 04, VfL Bochum, Rot-Weiss Essen, MSV Duisburg, Rot-Weiss Oberhausen – das Ruhrgebiet lebt und liebt Fußball. Im Westfalenstadion in Dortmund – offiziell Signal Iduna Park – treffen sich an Heimspieltagen mehr als 80.000 Menschen in einem einzigen Stadion, um den Fußball zu zelebrieren. Das entspricht der Einwohnerzahl einer mittelgroßen Stadt in Deutschland. Auf Schalke sind es mehr als 60.000. Hier muss man kein Fußballfan sein, um Gänsehaut zu bekommen.

Mittlerweile haben einige Fußballvereine sogar Fußballmuseen im Stadion: Etwa das Borusseum in Dortmund (Strobelallee 50) und das Schalke-Museum in Gelsenkirchen (Arenaring 1). Eintrittspreise liegen bei 6 bzw. 5 Euro, Stadionführungen kosten zwischen 9 (Schalke) und maximal 15 Euro (BVB).

Das Fußballmuseum in Dortmund

Fußballmuseum in Dortmund

Jeder Derbysieg ist existenziell, keine Frage. Der, den Dortmund 2009 gegen den Erzrivalen Gelsenkirchen errang, hatte sogar über die Bundesliga-Saison hinaus bestand. Immerhin ging es um den Zuschlag für das Deutsche Fußballmuseum. Seit 2015 tront es nun an verkehrsgünstiger Stelle gegenüber dem Dortmunder Hauptbahnhof. Das Museum widmet sich nicht nur dem nationalen Fußball, sondern auch dem Vereinsfußball.
Gefragt ist hier vor allen Dingen Mitmachen: In Quizzen könnt Ihr Euer Fußballwissen unter Beweis stellen, Eure Fähigkeiten als Schiedsrichter testen und Euch selbst als Fußballkommentator versuchen. Und natürlich alle wichtigen Trophäen bestaunen: Vom WM- bis zum EM-Siegerpokal. Ein Muss für jeden Fußballfan!

Mondpalast in Herne

Und hier hört die Fußballbegeisterung im Ruhrgebiet noch lange nicht auf: Der Mondpalast in Herne – “Deutschlands großes Volkstheater” – hat den Fußball auf die Bühne geholt. Die Komödie Ronaldo & Julia dreht sich um die Liebe zwischen einem Schalker und einer Dortmunderin und in Der zerdepperte Pott versucht ein DFB-Funktionär den Kriminalfall um eben selbigen zu lösen. In den Stücken geht es natürlich nicht nur um Fußball, sondern vor allen Dingen um die Region und ihre schrägen Typen. Ein eben solcher ist auch Theaterleiter Christian Stratmann, der dem”’Homo Ruhriensis‘ Identifikationsmöglichkeiten geben möchte und allen Nicht-Ruhris die Gelegenheit, sich im Pott großartig zu amüsieren – zwischen Trinkhalle und Zeche, Schalke und Strukturwandel.” Das gelingt im alten Saalbau in Wanne-Eickel einwandfrei. Tickets findet Ihr hier.

Bierkultur An Rhein und Ruhr

Das Dortmunder U

Über Jahrzehnte lag die Bierhauptstadt Deutschlands nicht in Bayern, sondern im Ruhrgebiet: In Dortmund wurde bis in die 80er Jahre das meiste Bier in Deutschland gebraut. Größtenteils Pils: Brinckhoffs, Kronen, Hansa, DAB (Dortmunder Actien Brauerei) und das bekannte Malzbier VitaMalz, um nur einige zu nennen. Erstes unverkennbares Zeichen, das daran erinnert: Das Dortmunder U am Hauptbahnhof, auch U-Turm genannt, ein letztes Überbleibsel der Union Brauerei. Erbaut im Jahre 1927 diente der Turm als Gär- und Lagerhalle. Heute behergt der U-Turm das Zentrum für Kunst und Kreativität, das in Kooperation mit den Dortmunder Museen und der Technischen Universität Dortmund wechselnde Ausstellungen zeigt. Highlight im wahrsten Sinne ist die Filminstallation “Fliegende Bilder” des Dortmumder Künstlers und Filmemachers Adolf Winkelmann: Auf der U-TURM BILDERUHR, die aus riesigen LED Screens besteht, laufen an der Dachkrone verschiedene Videofilme mit ruhrgebietstypischen Motiven.

Duisburg: Ein Pilsken im Innenhafen

Das neben Brinckhoffs wahrscheinlich bekannteste Ruhrgebiets-Pilsener kommt aus dem 60 Kilometer enfernten Duisburg: Das König Pilsener, kurz KöPi. Die König-Brauerei in Duisburg-Beeck ist noch heute eine der größten Brauereien in Deutschland. Brauerei-Führungen könnt Ihr hier schon für 8 Euro pro Nase buchen – Umtrunk und Imbiss inklusive. Davor oder danach bietet sich ein Besuch des Duisburger Innenhafens an, dessen Umnutzung unter anderem vom britischen Star-Architekten Lord Norman Foster (Reichstag, Wembley Stadium, The Gherkin) mitgestaltet wurde. Er ist heute als Industriedenkmal Teil der Route der Industriekultur, Sitz des Lokalstudios des WDR Duisburg, des Museums Küppersmühle und Standort netter Restaurants wie das Vapiano. KöPi ist natürlich auch hier vertreten: Im König Pilsener Wirtshaus, am Innenhafen 8-10. Besonders in den Abendstunden speist Ihr hier in einmaliger Atmosphäre.

Der Duisburger Innenhafen

Industriekultur – wo Einst malocht wurde

“Der Begriff Industriekultur steht für die Beschäftigung mit der gesamten Kulturgeschichte des industriellen Zeitalters” – so definiert der dazugehörige Wikipedia-Artikel den Begriff, den viele initial mit dem Ruhrgebiet verbinden. Der Regionalverband Ruhr hat die wichtigsten und attraktivsten Industriedenkmäler in der Route der Industriekultur zusammengefasst, thematisch aufgeteilt in Anker- und Besucherpunkte, Panoramen und Siedlungen. Ich möchte Euch meine drei Favoriten vorstellen:

Schurenbachhalde in Essen

Die Schurenbachhalde ist einer der außergewöhnlichsten Orte im Ruhrgebiet, da man – oben angekommen – ein bisschen das Gefühl hat, auf dem Mond gelandet zu sein. In der Mitte der ehemaligen Halde des Steinkohlebergbaus befindet sich ein Werk des amerikanischen Künstlers Richard Serra, die ‚Bramme für das Ruhrgebiet‘. Die Bramme ist ein Block aus gegossenem Stahl von knapp 15 Metern Höhe. Brammen sind in der Industrie das Vormaterial für Bleche und Bänder – auf der Schurenbachhalde ist die Bramme zum Industriedenkmal avanciert.

Am Rande der Mondlandschaft habt Ihr einen hübschen Ausblick auf den Rhein-Herne-Kanal und die Stadtlandschaft in Essen. Gut mit dem Fahrrad oder zu Fuß zu erreichen!

Ruhrgebiet

Gasometer in Oberhausen

Der Gasometer (Arenastraße 11) in Oberhausen ist heute die höchste Ausstellungshalle der Welt. Bis zum Ende seiner originären Nutzung im Jahre 1988 war der Gasometer Oberhausen der größte Scheibengasbehälter Europas. Den Innenraum als imposant to beschreiben ist eine glatte Untertreibung. Mit einem Panoramaaufzug im Inneren gelangt man auf eine zweite Ausstellungsebene, die ehemalige Gasdruckscheibe, und bis auf das Dach des Bauwerks von dem man einen fantastischen Ausblick über die Stadt Oberhausen und das westliche Ruhrgebiet hat. Das Gasometer hat seit 1994 einige ausgezeichnete Ausstellungen gezeigt. Dazu gehören u.a. die Fotografie-Ausstellung Magische Orte und das Big Air Package des Künstlers Christo.
Jede Ausstellung lebt von einem überdimensionalen zentralen Objekt: Sei es eine Erdkugel von 20 Metern Durchmesser oder ein 43 Meter hoher Regenwaldbaum.
Am 16. März 2018 ist die neueste Ausstellung Der Berg ruft‘ gestartet. Zentrales Objekt diesmal ist eine monumentale Nachbildung des Matterhorns.

Das Gasometer in Oberhausen

Zeche Zollverein

Sie ist das wohl schönste Industriedenkmal im Ruhrgebiet: Die Zeche Zollverein, die seit 2001 UNESCO-Welterbe ist, gilt als “schönste Zeche der Welt” und Meisterwerk der Bergwerksarchitektur.
Auf Zollverein findet Ihr heute zwei tolle Museen, die Ihr Euch beim Besuch im Ruhrgebiet nicht entgehen lassen solltet: Das Ruhr-Museum und das Red Dot Design Museum. Ersteres befasst sich, wie der Name schon vermuten lässt, mit dem Ruhrgebiet und letzteres zeigt preisgekröntes Produktdesign aus 45 Nationen – Alltagsgegenstände, die mit dem internationalen Red Dot Design Award ausgezeichnet wurden.
Atmosphärisch besonders toll: die illuminierten Treppen und Rolltreppen in der umfunktionierten Zeche.

Hochkultur im Ruhrgebiet

Villa Hügel

Villa Hügel

Das Ruhrgebiet hat noch mehr zu bieten als Industriekultur. Noch bevor die Industrie zwischen Rhein und Ruhr zur Kultur wurde, gab es bereits die Villa Hügel in Essen. Die Villa Hügel wurde im 19. Jahrhundert vom Stahlmagnaten Alfred Krupp errichtet und ist das ehemalige Wohnhaus der Industriellenfamilie Krupp (“hart wie Krupp-Stahl”). Wobei Haus eine Untertreibung ist: Die Villa Hügel ähnelt eher einem Schloss und könnte auch in einer Rosamunde Pilcher-Verfilmung vorkommen. 1953 wurde die Villa erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – und mehr als 400.000 Besucher kamen. Seitdem hat es etliche Ausstellungen im schlossähnlichen Ambiente gegeben. Von Juni bis Oktober 2018 gibt es die nächste: Josef Albers. Interaction mit Werken des deutsch-amerikanischen Künstlers Josef Albers, der zuletzt eine gefeierte Austellung im Tate Modern in London hatte. Albers selbst wurde in Bottrop geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf.

Museum Folkwang

Das Museum Folkwang in Essen wurde 2010 vom britischen Stararchitekten David Chipperfield fertiggestellt. Es bietet eine tolle Sammlung von Werken aus dem Expressionismus, Impressionismus und Surrealismus – darunter Künstler wie Albers, Cézanne, Casper David Friedrich, Beckmann, Macke, Monet, Kirchner und Kandinsky. Im zweiten Weltkrieg ging dem Museum ein nicht unerheblich Teil seiner Sammlung verloren – ‚aussortiert‘ als Entartete Kunst. Das Museum wird, ebenso wie die Villa Hügel, von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung unterstützt, die etliche Werke zurückkaufte.

Schloss Oberhausen

Die Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen gehört zum Zusammenschluss der weltweit vertretenden Ludwiggalerien. Der Schwerpunkt liegt auf moderner Kunst – so hat es hier in der Vergangenheit u.a. American Pop Art, Werke von Andy Warhol oder das Ruhrgebiet in der Kunst zu sehen gegeben.
Toll ist auch die Lage: Nahe der Ruhr und neben dem Kaisergarten mit Tiergehege und See. Das Stadion Niederrhein von Rot-Weiss Oberhausen ist außerdem fußläufig zu erreichen.

Buntes Ruhrgebiet: Multikultur

Das Ruhrgebiet ist multikulturell geprägt – von Duisburg im Westen bis Dortmund im Osten. Ich möchte Euch zwei Viertel ans Herz legen, die bundesweit leider eher für Negativschlagzeilen bekannt sind.

Duisburg-Marxloh

In Duisburg Marxloh fühlt man sich an vielen Ecken als sei man in der Türkei. Neben den klassischen Dönerbuden gibt es hier die besten türkischen Restaurants, in denen ich je gegessen habe – meist mit anatolischer Küche.
Mein Favorit: Ali Baba (Weseler Straße 75). Es gibt Moscheen, klar. Türkische Bäcker – und ganz viel Glitzer und Glamour in den Schaufenstern entlang der Weseler Straße. Der Grund? Duisburg Marxloh ist Europas Zentrum für Brautmoden. Sehr erfolgreich werden hier Bräute – meist mit türkischen Wurzeln – aus ganz Deutschland und über die Grenzen hinaus ausgestattet.

Dortmunder Nordstadt

Die Dortmunder Nordstadt ist das größte zusammenhängene Altbauviertel im Ruhrgebiet. Sie spiegelt die Geschichte der Stadt Dortmund wie kaum ein anderes Viertel wider: Der Aufstieg und Zerfall der Industrie, Zuzug und Wegzug der Bewohner und die Gründung des wahrscheinlich bedeutensten Vereins der Stadt, der mitterweile ein börsennotiertes Unternehmen ist: Borussia Dortmund, 1909 von katholischen Pfarrschülern am Borsiglatz gegründet.
Empfehlenswert ist vor allem ein Besuch im Kreativzentrum Depot (Immermannstraße 29), ehemalige Straßenbahnhauptwerkstatt der Dortmunder Verkehrsbetriebe, im zur Bar umgebauten Schiff Herr Walter am Dortmunder Hafen und im Subrosa, eine urige Kneipe mit engagiertem (Entertainment-) Programm.

Die Nordstadt und der Borsigplatz gehören übrigens zu den meistgefilmten Drehorten des Dortmunder Tatorts, der seit 2012 ausgestrahlt wird.

Draußenkultur

Am Phoenixsee in Dortmund

Anders als es die gängigen Stereotypen vermuten lassen, ist das Ruhrgebiet vor allem eines: grün. Ganz vorne dabei: Dortmund. Unter deutschen Großstädten belegt die Stadt mit einem Grünflächen-Anteil von 70,7 Prozent Rang 2 nach Hamburg. Essen folgt mit 68 Prozent auf Platz 6.

Der Phoenix-see – Dortmunds ganzer Stolz

Neben dem wunderbaren Westfalenpark, dem englisch anmutenden Rombergpark und dem urbanen Westpark ist der Phoenix-See im Dortmunder Stadtteil Hörde das neueste Freizeitsziel in Westfalen: 2011 fertiggestellt bietet er über 3 Kilometer Fuß- und Radwege und ist mit einer Größe von 24 Hektar größer als die Hamburger Binnenalster. Mit dem See kamen auch Gastronomie und Edelwohngegenden in nächster Nähe dazu. Wer durch das Wohngebiet direkt am See schlendert, hat sogar Chancen dem ein oder anderen Fußballspieler von Borussia Dortmund in die Arme zu laufen. Edelgegend eben. Und nahe am Trainingsgelände in Dortmund-Brackel.

Der Phönixsee in Dortmund

Baldeneysee in Essen

Weit weniger neu ist der Baldeneysee in Essen, der in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand. Der Ruhrstausee ist seit jeher Naherholungszentrum im Ruhrgebiet und vor allem bei Seglern, Kanuten und Ruderern beliebt. Am Baldeneysee befindet sich unter anderem das Landesleistungszentrum für Kanurennsport, aus dem bereits zahlreiche Weltmeister und Olympiasieger hervorgingen. Sogar Schwimmen ist seit 2017 erlaubt: Im Naturbad Seaside Beach Baldeney, das außerdem Stand-Up Paddeling, Kanu-Fahren und Surfen anbietet.

Der Baldeneysee in Essen

Neben dem Baldeneysee ist auch die Ruhr selbst an vielen Stellen Anziehungspunkt für Ausflügler und Radfahrer.
Mein Tipp: Kehrt im Fährhaus Rote Mühle zwischen Essen-Heisingen und Essen-Kupferdreh ein. Vom traditionsreichen Biergarten aus lässt es sich wunderbar dem Treiben auf dem Wasser zugucken und entspannen.

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